Das Öl und der Kampf um eine Neue Weltwirtschaftsordnung

Die Bedeutung der Ölkrisen der 1970er Jahre für die Nord-Süd-Beziehungen

Stipendiat

Dr. Jonas Kreienbaum, Rostock

Förderung

Die Gerda Henkel Stiftung unterstützt das Projekt durch die Gewährung eines Forschungsstipendiums sowie die Übernahme von Reise- und Sachkosten.

Dr. Jonas Kreienbaum beschäftigt sich im Rahmen seines Habilitationsvorhabens mit der Frage, wie die Ölkrisen der 1970er Jahre die globalen Verhandlungen um eine Neue Weltwirtschaftsordnung beeinflussten. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs die Zahl der dekolonisierten Länder stetig, und diese hatten seit den 1960er Jahren wiederholt im Rahmen des Non-Aligned-Movement (NAM), der Gruppe der 77 (G77) und der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) ökonomische Umstrukturierungen gefordert. Die sehr unterschiedlichen Länder des „globalen Südens“, darunter das sich rasch industrialisierende, militärregierte Südkorea, die seit Generationen unabhängigen Länder Südamerikas, das ob seines Öls bald ausgesprochen reiche Kuwait, die bitterarmen Staaten der Sahelzone und das riesige, demokratische Indien, waren sich dabei erstaunlich einig. 1974 gelang es vor allem auf algerische Initiative, ein außerplanmäßiges Treffen der Generalversammlung der Vereinten Nationen einzuberufen, das sich mit der Frage nach einer New International Economic Order befassen sollte. Ein Jahr später begann die Conference for International Economic Cooperation, der so genannte Nord-Süd-Dialog, der sich bis 1977 mit Energie-, Rohstoff-, Entwicklungs- und Finanzfragen auseinandersetzte.

Die sechste UN-Sondersitzung zu Rohstoffen und Entwicklung wurde auf algerische Initiative am 9. April 1974 eröffnet und verabschiedete eine Resolution zur Einführung einer New International Economic Order.
Ölraffinerie im sambischen Ndola. Die Eröffnung der Raffinerie im Mai 1973 kreierte Pfadabhängigkeiten, die dafür sorgten, dass Sambia trotz der Vervierfachung der Ölpreise in den kommenden Monaten mehr Öl importieren musste als je zuvor.
In der Economic Declaration des vierten Gipfeltreffens der Blockfreien Staaten vom September 1973 findet sich erstmals die Forderung nach einer New International Economic Order.
Diese Karikatur von 1974 verdeutlicht die Einschätzung, dass sich die globalen Machtverhältnisse mit der ersten Ölkrise verschoben haben.

Dass die Nord-Süd-Beziehungen in den 1970er Jahren offensichtlich zur Verhandlung standen, ist vor allem eine Folge der ersten Ölkrise der Jahre 1973/74 in Folge des Jom-Kippur-Kriegs. Diese entpuppte sich bald nicht als Versorgungs- sondern als Preiskrise, die zwar auch die westlichen Industriestaaten, in besonderem Maße aber die less developed countries auf dem afrikanischen Kontinent traf. Trotz verstärkter Hilfszahlungen der OPEC-Staaten gerieten die Zahlungsbilanzen zahlreicher „Dritt-Welt-Staaten“ dauerhaft aus dem Gleichgewicht. Die durch die iranische Revolution von 1979 ausgelöste zweite Ölkrise führte zu weiteren Panikkäufen und Preissteigerungen, und dies trug erheblich zu dem Auseinanderbrechen der Solidarität des Südens bei. So war dieser nicht in der Lage, die gestärkte Position der OPEC-Länder gegenüber dem Westen wie nach 1973 auszunutzen, um weitere Veränderungen in der Weltwirtschaftsordnung zu erkämpfen. Anfang der 1980er Jahre folgte auf die Ölkrisen eine Ölschwemme, die einen starken Preisverfall auslöste und weitere Verhandlungen aus westlicher Perspektive überflüssig machte. Die Auseinandersetzungen zwischen Nord und Süd um eine New International Economic Order waren damit faktisch an ihr Ende gelangt.

Dr. Kreienbaum nutzt den zentralafrikanischen Staat Sambia als eine Art „analytische Sonde“, um die komplexen Verhandlungen über eine Neue Weltwirtschaftsordnung, an denen über hundert Staaten beteiligt waren, zu untersuchen. In Sambia sind zum einen die Folgen der Ölkrisen für die „Entwicklungsländer“ in besonders radikaler Form zu beobachten. Galt Sambia nach seiner Unabhängigkeit 1964 zunächst als Land, das aufgrund seiner gewaltigen Kupfervorkommen in absehbarer Zeit westliche Lebensstandards erreichen könnte, so setzte mit der ersten Ölkrise der rapide ökonomische Niedergang ein. Wenige Jahre später war Sambia hoch verschuldet und zählte zu den 25 ärmsten Staaten der Welt. Zum anderen bietet sich Sambia als Fallbeispiel an, da es ein aktiver Teil des internationalen Netzwerks zur Durchsetzung der gemeinsamen Interessen der „Dritten Welt“ war. So hatte Präsident Kaunda von 1970 bis 1973 den Vorsitz des Non-Aligned Movement inne und richtete 1970 die Gipfelkonferenz der Bewegung in der Hauptstadt Lusaka aus.

Ziel der geplanten Studie ist es, die Geschichte der bislang in diesem Kontext kaum beachteten „Entwicklungsländer“ in die Erforschung der Ölkrisen zu integrieren und durch die Einbeziehung afrikanischer Akteure neues Licht auf die historische Auseinandersetzung mit den Nord-Süd-Beziehungen zu werfen. Die 1970er Jahre, so eine grundlegende These der Arbeit, läuteten nicht nur für den „Westen“, sondern auch für weite Teile der „Dritten Welt“ eine neue Phase ein, die für die Staaten des Global South statt der erhofften ökonomischen Dekolonisierung allerdings lediglich veränderte Formen der Abhängigkeit hervorbrachte.

Der sambische Präsident Kenneth Kaunda und Bundeskanzler Willy Brandt tauschten sich zum Jahreswechsel 1977/78 mehrmals über die Themen der von Brandt geleiteten Nord-Süd-Kommission aus.